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Oktober 2019

Peter Simonischek     (Bild: Theater Basel)

«Leicht und doch mit Tiefgang»

Dem Sinfonieorchester Basel gelingt mit der Uraufführung von «Prometheus» eine Punktlandung im Theater.

 

Von Sigfried Schibli

Ludwig van Beethoven hatte ein prekäres Verhältnis zum Ballett. «Den Adel», soll der Komponist im Alter gewettert haben, «interessieren nur noch Ballett und Pferde.»

Das war nicht nett gemeint. Ausser einem Ritterballett und den «Geschöpfen des Prometheus» schuf das produktive Genie denn auch keine Musik für die Tanzbühne. Und vom «Prometheus» – ursprünglich «Die Menschen des Prometheus» genannt – hat sich zwar viel Musik erhalten, aber kein Text. Jetzt hat der Autor Alain Claude Sulzer die fehlende Handlung ergänzt, und das Sinfonieorchester Basel brachte das Ganze mit dem Burgtheater-Schauspieler Peter Simonischek am Mittwoch im Theater Basel zur Uraufführung.

Auch Humor hat Platz

Lang, aber nicht zu lang ist die Ballettmusik ohne Tanz geworden. Gespickt mit Reminiszenzen an die griechische Mythologie, aber nicht bildungsmässig überfrachtet.

Auch für Humor hat Sulzer Platz gefunden: Er lässt den Prometheus «Eintagsmenschen» erschaffen und führt den Hund als Freund des Menschen ein (die Evolutionsstufe des Wolfs wird sportlich übersprungen). Zur Erfindung der Musik wird angemerkt, die Gesichter der Musizierenden seien oft seltsam verzerrt. Hätte Prometheus doch die Soloflötistin Julia Habenschuss gekannt, die ihr Instrument mit so viel Anmut führt!

Die Aufführung des fast siebzig Minuten langen Stücks kannte viele glückliche Momente, geschuldet vor allem den vorzüglichen Soli von Flöte, Klarinette, Oboe und Cello.

Spürbare Spielfreude

Dirigent Ivor Bolton sorgte für eine sprechende Artikulation, und das Orchester folgte ihm mit spürbarer Spielfreude. Beethovens Musik ist bei allem Pathos häufig kammermusikalisch apart, und es waren gerade diese Momente, etwa der Dialog von Harfe und Solocello, die gefielen. Auf den ersten Blick wirkte das Programm bunt zusammengewürfelt, auf den zweiten offenbarte es eine bestechende Logik.

Beethoven wird zitiert im ersten Klavierkonzert mit Trompete von Dmitri Schostakowitsch. Es profitierte mit dem Pianisten Alexander Melnikow und dem orchestereigenen Trompeter Immanuel Richter von zwei Solisten, die sich einig waren, wo spritziger Humor und wo lyrisches Verweilen angebracht sind. Für einmal passte die trockene Theaterakustik gut zum Stück.

Wie aber fand Gabriel Faurés «Caligula» den Weg aufs Basler Podium? Einmal durch den Umstand, dass Ivor Bolton mit seinem Basler Klangkörper eine CD-Einspielung vorbereitet. Und dann, weniger pragmatisch, durch die Musik selbst, die nicht nur erlesene Frauenstimmen (Balthasar-Neumann-Chor), sondern auch einen an Beethoven gemahnenden ritterlichen Ton und sogar einen richtigen Tanzsatz enthält.

AUGUST 2019

Lebensläufe

«Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt»

 

Von Rico Bandle

Alain Claude Sulzer hat einen neuen, herausragenden Roman geschrieben. Dies ist aber nicht der einzige Grund, den Basler Schriftsteller zu treffen. Seit fast fünfzig Jahren ist er mit seinem Mann zusammen. Romanwürdig sei diese Beziehung aber keineswegs.

JUNI 2019

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Unhaltbare Zustände

Vom Wagnis, gesehen zu werden

Ein Roman über einen, der sich gegen den Wandel der Zeiten auflehnt und dabei ins Wanken gerät.

Ab 22.August im Handel

Studio Lucia Hunziker Photography

AUGUST 2017

Braunwald gerät «aus den Fugen»

22. August 2017

Mit Alain Claude Sulzer und Oliver Schnyder gestalten ein Autor und ein Pianist zusammen die Eröffnung der Musikwoche Braunwald.

MÄRZ 2017

Blog zu «Annas Maske»

20. März 2017

Probenstart! Ich kann’s kaum erwarten!

FEBRUAR 2017

Rossini & Satie

27. Februar 2017 um 21.15 Uhr, Hotel Waldhaus, Sils Maria

Gioachino Rossini lebte von 1791 bis 1868,

Erik Satie von 1866 bis 1925.

Ausser am Klavier konnten sie sich unmöglich begegnen.

Hören Sie, wie es klingt, wenn beide darauf spielen.

Yaara Tal gewährt Ihnen einen musikalischen Einblick.

Alain Claude Sulzer erzählt.

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DEZEMBER 2015

«Erstaunlicherweise bin ich SP-Wähler»

 

Von Andreas Maurer und Leif Simonsen / Schweiz am Sonntag · 27. 12. 2015 

 

Alain Claude Sulzer will keine politischen Debatten anstossen – in diesem Interview tut er es dennoch

 

Der Schriftsteller lässt das Jahr Revue passieren: Er kritisiert Kollege Lukas Bärfuss, die Basler Stadtentwicklung und die Baselbieter Kulturpolitik.

 

Herr Sulzer, Sie dürften mit gemischten Gefühlen auf das Jahr zurückblicken. Ihr aktueller Roman «Postskriptum» ist in den Schweizer Medien gut angekommen, in deutschen weniger.

Alain Claude Sulzer: Meine Gefühle sind keineswegs gemischt. Und über einen Mangel an guten Kritiken kann ich mich nicht beklagen. Es gab negative Kritiken in der «Süddeutschen» und im «Tages-Anzeiger», aber da kommen meine Bücher grundsätzlich schlecht weg.

 

Weshalb?

Woher soll ich das wissen? Da müssen Sie schon in Zürich nachfragen.

 

 

SEPTEMBER 2015

 

 

 Anna Sutter als Salome. Foto: zeitgenössische Postkarte  

 

 

Autor Alain Claude Sulzer, Komponist David Philip Heft, Regisseurin Mirella Weingarten und Operndirektor Peter Heilker im Theaterfoyer.                      (Bild: Theater St.Gallen)

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Peter Surber / Saiten · 8. September 2015 

 

Das Theater St.Gallen wagt eine Rarität: Es gibt eine Oper in Auftrag, und dies bei einem St.Galler Komponisten. David Philip Heftis Werk Annas Maske wird im Mai 2017 uraufgeführt.

 

Ihre «Carmen» faszinierte die Massen. Anna Sutter war der umjubelte Star der Oper Stuttgart, und entsprechend Schlagzeilen machte am 29. Juni 1910 ihre Ermordung: Aloys Obrist, Dirigent und einer von Annas früheren Liebhabern, erschoss sie in ihrem Zimmer und richtete sich danach selber. In einem zeitgenössischen Zeitungsbericht stand am Tag danach: «…sie hat es als Künstlerin verstanden, was ewig das Ziel in den Beziehungen von Mensch zu Mensch bleiben muss, Glück und Freude zu verbreiten: Darum soll auch ihre blutige Bahre nicht umzischelt sein von dem Fragen und Sagen sensationslüsterner Neugier, und der Lorbeer, den Stuttgart auf ihren Sarg legt, sei frei von Schmutz und Staub niedrigen Klatsches».

 

Jetzt holt das Theater St.Gallen die «blutige Bahre» der Diva ans Tageslicht: Das Eifersuchtsdrama (Details dazu hier) steht im Zentrum der Oper Annas Maske. Das Libretto schrieb Alain Claude Sulzer, Autor der gleichnamigen, im Jahr 2001 erschienenen Novelle. Sulzer war auf den Stoff in einer Ausstellung über Totenmasken gestossen und hatte die Geschichte recherchiert. Regie führt Mirella Weingarten. Am Dienstag informierte das Theater vor den Medien über das Projekt.

 

«Fassbare und imaginative Musik»

David Philip Hefti ist 1975 in St.Gallen geboren, lebt in Deutschland und ist einer der gefragtesten Schweizer Komponisten der jüngeren Generation, viel gespielt mit Kammer- und Orchesterwerken und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Siemens- und dem Hindemith-Preis. Eine Oper gibt es von ihm bislang aber nicht. St.Gallens Operndirektor Peter Heilker lobt die «sinnliche, fassbare und imaginative» Musik des 40-jährigen Komponisten. Man habe sich verstanden und danach «triebhaft auf die Suche nach dem richtigen Stoff» für das geplante Auftragswerk gemacht. Den fand man schliesslich in Sulzers Buch.

 

Die Mordsgeschichte der Anna Sutter habe nicht nur alle Ingredienzen einer «ganz altmodischen Oper für das 21. Jahrhundert», sondern auch eine Portion «subtiler Swissness», sagt Heilker: Die Stuttgarter Diva stammte ursprünglich aus dem st.gallischen Wil, ihr Mörder war ebenfalls Schweizer. Regisseurin Weingarten fasziniert in Anna Sutter die Frau jenseits aller Konventionen, «ein lebenshungriges Weib», erfolgreich als Musikerin und modern in ihrer Unabhängigkeit – ein Lebensentwurf, den sie mit ihrem Leben bezahlte, darin der Figur der Carmen verwandt. Die Solopartie singt Riccarda Maria Wesseling.

 

«Bekenntnis zum Kulturauftrag»

St.Gallen leistet sich mit Annas Maske eine Oper in grosser, nicht bloss kammerspielmässiger Besetzung. Das Orchester habe allerdings ausdrücklich «keine Elektra-Dimensionen», sondern sei so dimensioniert, dass das Werk nachspielbar sei: für Direktor Werner Signer ein klares Signal, dass es bei Annas Maske nicht bei einer Eintagsfliege bleiben soll wie bei zahlreichen anderen zeitgenössischen Musiktheater-Projekten.

 

Letztmals hatte St.Gallen 1998 mit Stichtag von Thomas Hürlimann/Daniel Fueter eine Opernuraufführung «gestemmt». Seither waren Schweizer Erstaufführungen dazu gekommen, darunter Alfons Karl Zwickers Der Tod und das Mädchen oder in der letzten Spielzeit Written on Skin.

 

Letzteres war ein Publikumserfolg und wird demnächst in Bozen im Südtirol nachgespielt – Signer will sich davon aber nicht zu stark leiten lassen. Annas Maske in Auftrag zu geben und zu produzieren sei ein künstlerischer Entscheid frei von Publikumsdruck, ein Bekenntnis zum zeitgenössischen Musiktheater und zum Kulturauftrag, den das Theater habe. «Jetzt liegt es an uns, das Publikum zu verführen».

Mordsskandal als Oper

 

David Philip Hefti komponiert für das Theater St. Gallen seine erste Oper, «Annas Maske».

                                              (Bild: Urs Bucher)                    

«Die Angst ist jetzt weg»

Martin Preisser / Tagblatt · 2. Oktober 2015 

 

2017 wird in St. Gallen David Philip Heftis Oper «Annas Maske» uraufgeführt. Der Komponist gehört zu den erfolgreichsten seiner Zunft.

 

Die Formel «Shootingstar der Komposition», mit der er immer wieder etikettiert wird, mag David Philip Hefti nicht mehr hören. Der Begriff umschreibt nur plakativ den weltweiten Erfolg des 1975 in St. Gallen geborenen Komponisten. Nicht wenige zeitgenössische Komponisten beschweren sich oft, dass sie im aktuellen Konzertleben zu wenig wahrgenommen würden. Oder sie jammern über ungenaue oder zu wenig motivierte Uraufführungen ihrer Werke.

 

Kein Riesenslalom

In diese Klagen kann David Philip Hefti nicht einstimmen. Früher hatte er seinen Erfolg als Tonsetzer einfach mit Glück erklärt. Heute sagt er: «Ich schreibe kompromisslos und unangepasst. Ich fahre keinen Riesenslalom zwischen verschiedenen kompositorischen Trends.»

 

Ein Garant für eine nachhaltige Akzeptanz seiner Musik sind auch Heftis Interpreten. Bei allen Uraufführungen haben sich renommierte Musiker und Dirigenten um seine Partituren gekümmert. Das zeigt Wirkung bei der Rezeption. «Ich nehme meine Interpreten sehr ernst, ich bin auf sie angewiesen», sagt Hefti. Auch wenn vielleicht ein Musiker eine Passage einmal für unspielbar halte: Im Dialog und durch intensives gemeinsames Arbeiten erreiche er immer ein beglückendes Ziel und ein entsprechendes klangliches Resultat. «Ich bereite meine neuen Partituren sehr genau vor, so dass ich auch die Musiker dazu motivieren kann, ein Optimum an Genauigkeit und Ausstrahlung hervorzubringen.»

 

Die Hälfte ist fertig

Mit «Annas Maske», nach dem Libretto des profilierten Schweizer Autors Alain Claude Sulzer, schreibt David Philip Hefti seine erste Oper. «Und mein erstes Werk, das mehr als 35 Minuten dauert», sagt der Komponist, der in Zollikon und Mannheim lebt. «Eine Oper ist ein Riesenprojekt. Und die Anforderungen an eine solche musikdramatische Form haben mir am Anfang schon ein wenig Angst gemacht. Die Angst ist jetzt aber weg, da ich ungefähr schon die Hälfte des Werks fertig habe.» Respekt vor dem Gesamtpaket Oper habe sich in Freude an der inspirierenden Arbeit verwandelt.

 

Inspirierendes Libretto

Was ihn beim Komponieren besonders trage, sei die Qualität des Librettos von «Annas Maske». «Alain Claude Sulzer schreibt eine sehr rhythmische Sprache. Der Text inspiriert mich Wort für Wort und bringt mein Komponieren in ein kontinuierliches Fliessen», schwärmt Hefti. «Ich schreibe nicht gegen das Libretto und auch nicht gegen die Stimme. Eine starke gesanglich-sinnliche Komponente wird meine Oper prägen. Das schliesst die absolut zeitgenössische musikalische Grundhaltung nicht aus.»

Hefti hat schon als Schüler komponiert, auch für das Orchester an der St. Galler Kantonsschule am Burggraben. «Ich hatte eigentlich immer schon Klänge in mir», erinnert er sich. Bis heute ist er dankbar dafür, dass ihm die Schule damals viel Freiraum für seine frühe musikalische Ausbildung eingeräumt und die vielen Absenzen grosszügig akzeptiert habe. Er kann heute vom Komponieren leben. Alle Kompositionen seines inzwischen schon beachtlichen Œuvres sind als Auftragswerke entstanden.

 

«Ich hasse Fehler»

Hefti sieht sich als langsamen Schreiber. Drei Kompositionen pro Jahr waren es lange Zeit. «Inzwischen schreibe ich sechs Stücke», sagt er und begründet das sehr persönlich: «An meiner grösseren Produktivität hat sicher die glückliche Beziehung zu meiner Ehefrau einen wichtigen Anteil.» Seit vier Jahren ist eine Bratschistin des Nationaltheaters Mannheim seine Partnerin. David Philip Hefti komponiert praktisch nie am Klavier. Seine Ideen hält er handschriftlich fest und überträgt sie dann sofort in den Computer. «Alles erst einmal per Hand zu schreiben hat praktische Gründe. Ich bin da viel schneller.» Hefti ist ein sehr genauer Schreiber und sagt: «Ich hasse Fehler in Partituren.» Das heisst auch, dass er seinen Interpreten stets eine präzise und fertige Partitur vorlegen kann. Eben auch als ein Garant für eine erfolgreiche und stimmige Aufführung. Das Komponieren hat Hefti, der auch als Klarinettist und Dirigent ausgebildet ist, bei bekannten Komponisten wie Cristóbal Halffter, Rudolf Kelterborn oder Wolfgang Rihm gelernt.

 

Freies Komponieren

Dass Rihm als Nachfolger von Pierre Boulez für die Lucerne Festival Academy verpflichtet worden sei, freut ihn. «Der Mann hat einen unglaublichen Horizont. Das Studium bei ihm war fast mehr Philosophie- als Kompositionsunterricht. Bei Rihm habe ich das freie, organische Komponieren gelernt. Ein wichtiger Impuls, der meine bis dahin eher kontrapunktisch orientierte Komponierpraxis bereicherte.»

 

Mit jedem neuen Werk wachse die Erfahrung, aber auch der Anspruch im Umgang mit Klängen, sagt David Philip Hefti. Sehr viel lerne er jeweils auch durch den Kontakt mit seinen Interpreten und deren Feedbacks. Die Arbeit an der neuen Oper hat Hefti Mut gemacht, sich auch in Zukunft an grössere musikalische Formen zu wagen. Er plant eine erste Sinfonie.

 

Mit viel Schwung sitzt der Komponist jetzt an der zweiten Hälfte seines ersten abendfüllenden Werks. Hauptknackpunkt bei der Arbeit an «Annas Maske» sei die packende Gestaltung der dramatischen Höhepunkte der Oper. «Was mir unbedingt gelingen muss: Das Publikum muss dranbleiben an dieser Musik.»

 

Der Opernauftrag aus St. Gallen, der über eine Kölner Agentur eingefädelt wurde, kommt für den gerade vierzig gewordenen David Philip Hefti im genau richtigen Moment. «Es ist eine neue, spannende und unberechenbare Herausforderung», sagt Hefti und freut sich jetzt schon auf die Uraufführung im Mai 2017. «Im Stillen komponierte Musik erstmals an der Premiere in ihrer direkten physischen Wirkung zu hören: Was gibt es für einen schöneren Augenblick?»